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Interview mit Rafik Schami

Rafik Schami Copyright

Sie leben seit vierzig Jahren im Exil, aber man merkt durch all Ihre Bücher, dass Sie Damaskus lieben. Weshalb haben Sie Ihr Land, Ihre Stadt verlassen?

Ich bin in meiner Jugend schon als Schüler aktiv gewesen. Ich habe eine Wandzeitung gegründet und habe im Untergrund geschrieben. Das setzte sich auf der Uni fort. Ich wollte Lehrer und Schriftsteller werden und habe nie daran gedacht, meine geliebte Stadt zu verlassen. Doch ich verließ mit 25 das Land. Warum? Weil ich keinen Militärdienst leisten will. Damals war das eine einsame Entscheidung. Ich wurde von manchen verachtet: „Du lässt unser Land im Stich im Kampf gegen Israel!“ Aber ich habe mit diesem Militär nichts zu tun. Ich will nicht die Waffe tragen für einen Herrscher, den ich am liebsten aus dem Land wegjagen will. Ich diene ihm nicht mit der Waffe. Das war der erste unmittelbare Grund. Weshalb ich das Land überhaupt verlassen durfte? Ich hatte ein Studium abgeschlossen, dessen Fortsetzung im Land nicht möglich war. Mein Chemie-Studium hat mir das damals erlaubt, es gab dafür keine Promotion in Syrien. So durfte ich ins Ausland gehen. Der zweite Grund war: Ich war am Ersticken. Ich war ein junger Autor, der sehr viele Ideen hatte, und ich merkte, dass die Zensur meine Gedanken nicht zulässt. Es gab eine strenge Zensur, wie in den Ostblock-Ländern. Man durfte ohne Zensurgenehmigung nichts veröffentlichen. Noch etwas kam dazu: Eine gescheiterte Liebesbeziehung hat mir den letzten Schub gegeben, das Land zu verlassen, in der Hoffnung, einen neuen Anfang zu finden. Meine Eltern waren dagegen. Ich hatte 800 DM in der Tasche, die ich als Privatlehrer verdient hatte. Als ich nach Deutschland kam, war das Geld schon fast zu Ende. Nach einem Monat fing ich an, Post auszutragen und im Restaurant zu bedienen. Es war nicht einfach, aber ich wollte raus aus Syrien. Und ich wollte mich von der Herrschaft der Sippe befreien, die wie ein Joch über den Schultern eines jeden Arabers liegt. Ich habe das einmal sehr scharf formuliert: „Ich werde hinausgehen und erst, wenn ich ein bescheuerteres System finde, bescheuerter als unsere Diktatur, kehre ich zurück.“ Und ich habe das bis heute noch nicht gefunden.

Wie entstand der Roman „Eine Hand voller Sterne“?

Ich habe damals eine intensive Lesereise mit meinen orientalischen Geschichten gemacht, um meine Literatur, die kaum bekannt war, etwas bekannter zu machen. Direkt zum Publikum und nicht warten, bis das Feuilleton mich entdeckt, weil ich wusste, die Literaturkritik wird das, was ich mache, für eine lange Zeit nicht beachten. Ich ahme keine Europäer nach, sondern schreibe meine Geschichten, wie es mir schmeckt. Wenn einer aus der Dritten Welt das versucht, dann sind die Leute erst mal misstrauisch: „Was erzählt der denn da?“

Auf dieser Reise begegnete ich Jugendlichen, Schülern. Und sie stellten immer Fragen, wie das Leben in Damaskus ist. Wo ist das überhaupt? Und wie ist das?

Ich habe natürlich gewusst, dass es im deutschsprachigen Raum kaum Literatur über Syrien gibt. Es geht entweder um Erdöl, Terror oder um Diktatur. Und da habe ich gedacht, ich möchte einen Roman schreiben, der mein Land und das normale Leben auf der Straße bekannt macht. Und so fing ich auf dieser Reise zu schreiben an. Ich habe mehrere Formen versucht, Brief-Form und einen riesigen Bogen als 3. Person, also in der Er-Form geschrieben. Das hat mir nicht gefallen, weil ein Jugendlicher selbst über sein Leben reden soll. Und wie kann er am besten reden? Indem er sicher ist, dass sein Tagebuch von niemandem entdeckt wird. Diese Tagebucheintragungen gefielen mir von Seite zu Seite immer mehr, weil sie wirklich die Brüchigkeit des Alltags, diesen zerstörten Alltag der Leute unter dieser Diktatur widerspiegeln. Und zu meinem Glück hat es auch meinen Alltag wiedergegeben. Ich reiste von Hotel zu Hotel und damals gab es keine Laptops. Ich habe immer beim Hotelier angerufen, ob es möglich ist, eine kleine Schreibmaschine in mein Zimmer zu stellen. Und ich muss sagen, alle Achtung, alle Hoteliers haben mir ihre eigene Schreibmaschine hingestellt. Und ich bin gekommen mit Notizen, habe sie sauber geschrieben, schon war ein Tag vorbei, dann kam der nächste Tag und dann kam der dritte Tag. Und so entstand dieser Roman auf einer Reise.

Das Traurige ist, dass „Eine Hand voller Sterne“ wahrscheinlich aktueller denn je ist. Wie sehen Sie das?

Der Zeitpunkt, dass die Wiener gerade jetzt 100.000 meiner Bücher drucken, rührt mich über die Maßen. Jetzt, wo diese Revolution in Syrien ist, dieser Aufstand, dieses Verlangen nach Demokratie und Freiheit. So weit reicht meine Prophezeiung nicht, das konnte ich vor 25 Jahren natürlich nicht wissen, dass dieser Roman noch so aktuell werden sollte. Damals habe ich natürlich diese Antenne für das, was die Menschen bewegte, gehabt. Durch die Aktivität im Untergrund erfährt ein Mensch, was verschwiegen wird. Wer sich nicht engagiert, der lebt auf der Oberfläche, konsumiert und hat keine Ahnung von seiner Umgebung.

Das Land gärte damals Anfang/Mitte der 80er Jahre, als der Roman entstand. Es war Gärung, es war aber noch nicht reif für eine Revolution. Man hat das gespürt, dass die Leute die Herrschaft dieser Familie nicht wollten. Schon 1982, bei dem riesigen Aufstand in Hama, den Hafiz al-Assad, der Vater des jetzigen Herrschers, blutig niedergeschlagen hat, mit 30.000 Toten. Das war 1982, der Roman ist 1987 erschienen. Das war für den, der beobachten kann, doch Anlass genug zu sagen: „Wie könnte ein Widerstand entstehen?“ Und da kam diese Idee mit der Sockenzeitung. Diese Sockenzeitung übrigens ist – nur nebenbei bemerkt – nicht meine Erfindung, das hat der Widerstand in Syrien gemacht.

„Eine Hand voller Sterne“ hat viele Jugendbuchpreise gewonnen. Der Roman wurde in viele Sprachen übersetzt und wurde von einem großen Publikum angenommen. Zurzeit arbeitet ein Regisseur an einem Drehbuch für einen Kinofilm. Was möchten Sie vor allem jungen Menschen mitgeben?

Das ist eine wichtige Frage, rücken wir sie ins Zentrum. Ich gehe immer wieder gerne zu Jugendlichen, um ihnen zu zeigen, wie andere Jugendliche kämpfen, um ihre Freiheit zu erringen. Das heißt, ich sage den Jugendlichen: Eure Freiheit ist nicht nur die Wahl eures Ferien- oder des Urlaubsortes, eure Demokratie bedeutet für euch nicht, nur alle 4 Jahre einen Zettel einzuschmeißen, sondern sie ist teuer erkauft und verpflichtend. Ihr habt die Freiheit, nachzudenken, also wie kann man Jugendliche, die diese Freiheit noch nicht haben, unterstützen. Es ist leicht und für dich nicht gefährlich, betreibe Aufklärung. Geh zu deiner Familie, zu deinen Freunden und erzähle ihnen: „Die Syrer haben ein Recht auf ihre Freiheit. Egal, was die Presse sagt, egal ob pro oder contra, egal welches YouTube-Video richtig oder gefälscht – gefaked sagt man heute – ist, meine Meinung als Jugendlicher ist: Dieses Volk braucht seine Freiheit! Dieses Volk hat ein Recht auf Demokratie!“

Wenn du das machst, bist du deiner Freiheit und deiner Demokratie würdig. Und nicht: „Das interessiert mich nicht. Wo ist Syrien überhaupt?“

Das sind Jugendliche genau wie du. Sie haben Gefühle, sie verlieben sich und müssen sich jetzt verstecken, weil sie umgebracht werden, wenn sie erwischt werden. Indem du in Wien in Freiheit lebst, kannst du es jedem sagen, ohne, dass du eine Strafe bekommst: „Ich bin für die Freiheit in Syrien!“ Das haben Jugendliche in Schweden gemacht. Sie sind durch die Fußgängerzone gegangen, in Solidarität mit den syrischen Kindern. Sie legten sich auf den Boden, um nur anzudeuten, wie die Kinder dort umgebracht werden. Das hat viele Passanten schockiert, aber der Effekt ist da. Diese friedliche Buch-Aktion in Wien wird viel und dauerhafter aufklären.

Wie viel Autobiografisches ist in dem Roman zu finden?

Das ist die am häufigsten gestellte Frage und die ist auch sehr berechtigt. Ich antworte manchmal Folgendes: In jedem Roman, egal ob er Science-Fiction ist oder Kriminalroman, realistischer Familienroman oder ein Roman, der im Mittelalter spielt, es ist immer Autobiografisches drinnen. Ich habe das einmal so beschrieben: Die Identität, die Lebenserfahrung des Autors explodieren im Augenblick des Schreibens zu tausend Mosaiksteinchen und die landen dann in diesem Roman. Da ist ein Stück von Onkel Salim in mir und ein Stück von dem Jungen. Und ein Stück von der Mutter ist auch ein Stück von meiner Mutter. Und diese Schwester, Leila, ist vielleicht ein Teil einer Nachbarstochter, die mir immer gefallen hat, und ein Teil von meiner Schwester Marie. Das heißt, es ist vieles von mir, aber es musste dramatisiert werden, weil mein Leben nicht spannend genug ist. Ich war nicht in bitterer Armut, ich habe in einer christlichen Elite-Schule gelernt. Ich hatte das Privileg, dass ich als Kind sehr viele Bücher gehabt habe. Das hat der Held der Geschichte, der Protagonist, nicht. Er lebt in einer gewissen Armut. Das Fahrradfahren durch die Stadt, die Verliebtheit in die Nachbarstochter und so weiter. Hier heißt sie Nadja, im Leben war sie vielleicht ganz anders. Dieses Zittern um die Liebe, das ist natürlich auch autobiografisch.

Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben? Ihre Strategie? Wie gehen Sie beim Schreiben vor?

Ich komme aus der Tradition des mündlichen Erzählens. Daher werde ich diese auch immer, mein Leben lang, als einen zentralen Punkt meiner Erzählweise hochhalten. Ich erzähle gerne und viel und erzähle meine Geschichten, auch wenn sie fertig niedergeschrieben sind, frei und ohne Skript. Aus dieser Tradition kommend, entwickeln sich meine Geschichten erstmal im Gespräch, in Proben, die ich für mich mache. Zunächst einmal nur eine kleine Idee. Davon habe ich viele. Ich könnte eine ganze Mannschaft mit meinen Geschichten beschäftigen, aber das will ich nicht. Und dann beginne ich mit der Recherche. Ich bin Chemiker und immer misstrauisch, ob eine Idee trägt. Und in der Tat erweisen sich viele Ideen, die so toll erscheinen, bei näherer Recherche als nicht belegbar, nicht durchführbar. Ich will das jetzt nicht genau definieren, aber bei der Recherche bricht die Idee zusammen oder bei den ersten Versuchen, diese Geschichte zu formulieren, die so vielversprechend war, scheitert sie. Wenn das nicht der Fall ist, geht die Arbeit weiter. Den ersten Entwurf lege ich fest auf etwa 20 Seiten, nicht mehr. Ich mache kein eisernes Schema, dem ich folge, aber die Grundkonstruktion lege ich auf 15–20 Seiten fest. Was soll in diesem Roman erzählt werden? Die Recherchen, heutzutage tut man das in einem Speicher, einem Computer. Früher war das ein Zettelkasten mit Bildern, mit Fotos, mit Straßenszenen. Ich arbeite viel mit Fotos. Ich lasse mir immer neue Bilder aus Damaskus zeigen. Bilder geben viel, ohne dass man selbst an diesem Ort ist. Ich sehe die Körperhaltung beim Handeln, Bedienen der Händler und beschreibe das dann. Das ist wie eine Fotografie mit Worten. Diese Recherche begleitet mich und ich entwickle die Geschichte und schreibe jede Nacht. Tief in der Nacht, das ist meine Zeit. Ich bin ein Nachtmensch. Mein Glück ist, ich schlafe seit meinem 14. Lebensjahr nur 5–6 Stunden täglich, mehr nicht. Das heißt, ich kann bis ein oder zwei Uhr schreiben und wache um 7 schon wieder auf. Das, was ich in der Nacht schreibe, kontrolliere ich am nächsten Vormittag.

Am nächsten Morgen ist es ein Glück, wenn nur die Hälfte Unsinn ist, das ich da geschrieben habe. Das präzisiere ich dann, und was jetzt fertig ist, geht in den Text. Das ist ja nur der Entwurf gewesen, jetzt geht es in den Text. Und so sammelt sich der Text am Vormittag bis zu Mittag ungefähr. Und nach einem kleinen Brunch mit meiner Frau erledige ich 3–4 Stunden die alltägliche, anfallende Arbeit, Korrespondenz, E-Mails, Steuern, alles Mögliche. Ich bin auch der Koch der Familie. Ich koche dann. Wir essen zusammen und wenn die Familie sich zur Ruhe zurückgezogen hat, kommt meine Nachtarbeit. So ist mein Alltag, wenn ich nicht verreise. Wenn ich verreise, nehme ich meinen Laptop mit oder ein Heft und von Hotel zu Hotel notiere ich meine Einfälle. Und wenn ich zurückkomme, ist es schon reif, dann kann ich das noch mal am Computer bearbeiten. Natürlich sollte man das kürzer zusammenfassen, ich rede zu viel …

Ihr Anspruch an die Literatur? Was verlangen Sie von einem literarischen Werk?

Das ist die uralte Frage: Was soll ein Roman? Was soll eine Kurzgeschichte? Was soll ein Gedicht? Nach meiner Meinung muss ein Roman an erster Stelle unterhalten. Scheitert er daran, Menschen unterhaltend zu fesseln, ist er verloren. All das philosophische und soziale Engagement des Autors oder der Autorin genügt nicht, wenn es nicht in die Herzen der Menschen geht. Eine Botschaft muss ankommen. Das Buch der Aktion im Jahr 2009 ist ein gutes Beispiel. Ich hatte am Anfang Bedenken, Yalom zu lesen, „Und Nietzsche weinte“. Ich habe es gelesen und es ist beeindruckend, wie man eine solch spannende Geschichte um einen Philosophen aufbaut, der uns allen bekannt ist. Ich habe mich ausführlich mit Nietzsche beschäftigt, aber diese Ecke so fiktiv zu beleuchten und die Rolle der Psychologie und die Grenze der Psychologie … Breuer, der behandelnde Arzt, sitzt plötzlich in der Falle, plötzlich muss er über seine Probleme reden und er muss feststellen, dass er selbst krank ist. Genial gelöst! Das ist mein Anspruch an die Literatur. Dass sie klug unterhält und ein Fenster zum Nachdenken über viele Fragen aufmacht. Die Literatur soll sowohl Fenster zu anderen Kulturen als auch Fenster zu anderen Möglichkeiten in unserem eigenen Leben aufstoßen. Wenn sie das macht, ist das wunderbar. Das ist mein Anspruch.

Ich bin eine Leseratte, aber ich erlaube niemandem mich zu langweilen, weil das Leben kurz und kostbar ist und weil ich weiß, es gibt noch viel Literatur zu entdecken. Ich gebe einem Roman Zeit für 50 Seiten. Entweder hat er mich oder ich habe ihn nicht mehr.

Wie gut kennen Sie Wien?

Wien war lange Zeit meine Lieblingsstadt, aus einem ganz einfachen Grund: Ich hatte in dieser Stadt viele freundschaftliche Erfahrungen in den 70er Jahren gemacht. Da habe ich mit arabischen und jüdischen Freunden, darunter John Bunzl, die Möglichkeit gehabt, mich mit jüdischen, israelischen und arabischen, palästinensischen Intellektuellen zu treffen und zu diskutieren, ohne Kontrolle und ohne Gewissensbisse. Wir diskutierten bei unseren Treffen offen über eine friedliche Lösung für beide misshandelten Völker, das israelische wie das palästinensische Volk. Sie sind wirklich in eine qualvolle Spirale hineingekommen und sie verdienen endlich, friedlich miteinander zu leben. Palästinenser und Israelis, die heute 60 Jahre alt sind, haben keinen Tag Frieden erlebt. Das ist eine Schande für die Menschheit. Heute sieht die Situation zwischen beiden Völkern noch dramatischer aus. Damals gab es einen Schimmer Hoffnung. Wir fühlten uns verpflichtet, fieberhaft und kompromissbereit nach Lösungen zu suchen. 1975 brach der Bürgerkrieg im Libanon aus und bald darauf mischten sich auch Syrer und Israelis ein. Diese Phase ließ mich immer wieder nach Wien fahren. Ich war ein armer Student, aber Wien hatte ein Herz für arme Studenten. Ich habe Übernachtungsmöglichkeiten bekommen. Die Gastfreundschaft der Wiener erinnerte mich an die der Damaszener. Und seitdem kannte ich Wien sehr gut, weil meine Wiener Freunde mich begleitet und mir gezeigt haben, wo der Herr Trotzki seinen Kaffee getrunken hat und wo der Herr Altenberg und Herr Kraus saßen. Ich liebe Altenberg übrigens. Ich kenne fast alle seine Schriften, und bewunderte das Sprachgenie Karl Kraus. Ich habe die Gesamtausgabe seiner Zeitschrift „Die Fackel“ und viele seiner Bücher gelesen. Damals habe ich mich mit der Atmosphäre in Wien in den 20er Jahren beschäftigt. Ich wollte einen Roman über einen syrischen Exilanten und Abenteurer schreiben, der lange in Wien lebte, sozialdemokratisch wurde, in den Ersten Weltkrieg mit den Österreichern zog und einen Syrer umbringt, der auf der französischen Seite kämpfte … aber daraus wurde nichts. Aber damals lernte ich die Werke von Victor Adler und Freud kennen. Auch die sozialdemokratische Arbeiterbewegung hat mich beschäftigt.

Der Kreis rundet sich. Als Student fand ich den Weg nach Wien wegen politischer Aktivität, und jetzt komme ich nach 35 Jahren noch mal zu Besuch als offizieller Gast.

Kannten Sie die Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“?

Ich hatte im letzten Jahr davon gehört. Die Aktion war ja in Wien und Berlin mit Mario Vargas Llosa. Vorher kannte ich das komischerweise nicht, aber letzten Herbst dachte ich: Hoppla, ein Buch für Wien und Berlin mit je 100.000 Gratisexemplaren, das ist aber groß. Ich muss sagen, so eine Idee grenzt an Genialität. Warum? Wenn ein Preis nur in einem geschlossenen Kreis vergeben wird, wird es eine gute Rede sein und es sind ein paar hundert Leute, die davon wissen. Nichts dagegen. Aber ein solcher Trommelschlag in der Öffentlichkeit, mit dem eine ganze Stadt einen Autor feiert – das ist schon ein anderes Kaliber. Gelungen!

Die Auflage Ihrer Bücher hat inzwischen mehr als zwei Millionen Exemplare erreicht. Doch jetzt werden 100.000 Exemplare von „Eine Hand voller Sterne“ auf einmal unter die Menschen gelangen? Wie fühlt sich das an?

Ja, ganz groß. Jetzt, wo ich genug Geld verdiene, kommt so eine Aktion. Eine großartige Geschichte auch deshalb, weil Österreich kein leichter Markt für fremde Autoren ist. Die Österreicher sind gute Leser, aber in der Regel für österreichische Autoren. In den vergangenen zehn Jahren hat man in Wien durch diese Aktion „Eine STADT. Ein BUCH.“ die Weltliteratur in die Häuser gebracht. Man hat ein Fenster für Literaten aufgemacht, die in Österreich vielleicht nicht so bekannt sind. Durch diese Aktion kommt der Autor als Gast in so viele Familien und das freut mich sehr.

Wie beobachten Sie die aktuelle Lage in Syrien von Deutschland aus?

Der Aufstand hat uns alle überrascht. Wer das nicht zugibt, der lügt. Die Assad-Familie hat das Land wie die eigene Farm verwaltet. Das Volk betrachtete sie als Leibeigene und die 15 Geheimdienste sorgten für eine Friedhofsruhe. Sie haben das Land im Griff durch drei Machtfaktoren: Korruption auf allen Ebenen, Loyalität der Anhänger und brutalste Härte gegen jede Widerstandsregung. Sie haben nicht damit gerechnet, dass das syrische Volk so explodiert, dass es sagt, ich habe keine Angst! Ich mache nicht mehr mit. Die westliche Welt hat lange gezögert, sodass die einzigen Unterstützer entweder dubiose Saudis oder aus Katar waren. Deshalb hat die Revolution einen schlechteren Ruf bekommen, als sie verdient hat. Anders als in Tunesien oder in Libyen oder Jemen, will der Assad-Clan das Land nicht verlassen und die Macht auf keinen Fall teilen, geschweige denn hergeben. All die gegenteiligen Äußerungen sind Tricks, um die Zeit zu verlängern, in der Hoffnung, dass er die Opposition zermürbt. Ich sehe das, was kommt, sehr skeptisch, allerdings wird Assad stürzen. Nur, bis dahin wird das Land in Trümmern liegen. Und eines muss man allen schon heute sagen: Die Verantwortung der Entmachtung einer Diktatur trägt die Diktatur selbst und ihre Verbündeten. Die Russen und Chinesen stehen eindeutig für ihn und beliefern ihn mit allen Waffen und Diplomatie, die er braucht. Und das ist traurig.

Die Syrer haben zu viele Opfer gebracht, sie können nicht mehr zurück. Wenn man die Syrer gut kennt, weiß man, wenn jemand in der Familie gefallen ist, ist es eine Art Verpflichtung, zu der Sache zu stehen, um ihn zu rächen und um seinen Tod nicht umsonst geschehen zu lassen. Das verspricht etwas, aber der Leidensweg wird noch lange dauern. So schnell stürzt Assad nicht. Natürlich kann etwas passieren und es kann sein, dass sie ihn erwischen. Man muss wissen, dieser Assad ist zentral in dieser Machtkonstellation, also wenn er stirbt, gibt es keinen Nachfolger, der sich halten kann.

Können 100.000 Bücher in einer solchen Situation etwas bewegen?

Für mich persönlich ist „Eine STADT. Ein BUCH.“ natürlich eine große Ehre, aber eigentlich wird die ganze syrische Opposition damit geehrt. Meine Freunde in Damaskus und im Exil haben gejubelt, denn so eine Initiative gibt Hoffnung. Ich nehme diese Auszeichnung mit großer Freude entgegen, aber ich erkenne sie auch als eine Huldigung des demokratischen und friedlichen Kampfes meines Volkes für Menschlichkeit und Freiheit. Ich bin ein Gegner des Militärs, ich bin gegen jede Kalaschnikow. Ich möchte eine friedliche Welt sehen. Man soll mich auslachen, aber es ist doch möglich. Ich sehe diese Wiener Ehrung als eine große, große Anerkennung des Widerstandes, über den in meinem Roman erzählt wird. Eine Stadt, die einen Autor feiert, feiert mit ihm auch das Thema, und das Thema ist neben der Liebe der unerschrockene Kampf für Freiheit. Der Held nimmt nie ein Wort der Gewalt in den Mund, er will nur Aufklärung mit dieser Zeitung. Und dafür wandert sein Freund und Mentor Habib, der Journalist, ins Gefängnis und er wird so lange geschlagen, bis er verrückt wird. Durch „Eine STADT. Ein BUCH.“ wird Syrien in der Öffentlichkeit ein Thema und es ist einzigartig, dass das von einer Weltstadt wie Wien und einem kleinen Land wie Österreich anerkannt wird. Die Großmächte schauen ja bisher nur weg. Die Wiener setzen damit ein Zeichen.

Gibt es Momente, in denen Sie sich wünschen wieder durch die Straßen von Damaskus gehen zu können?

Es ist jeden Morgen so, seit 40 Jahren. Jeden Morgen wache ich auf im Bett bei meiner Familie in Deutschland, aber mit dem Herzen bin ich in Damaskus. Sofort habe ich Bilder im Kopf: Was trinken sie jetzt? Kaffee? Auf welcher Terrasse? Wir haben zwei. Was macht Marie jetzt? Mit welcher Nachbarin tratscht sie? Das ist etwas, das bei mir sehr tief sitzt. Jasmingeruch unten im Hof, ohne Kitsch. Das war eine Kletterpflanze, und sie hat tausende Blüten getragen. Daneben eine ganz große Rebe, die Schatten und Trauben geschenkt hat. Das ist Damaskus. So geht es mir jeden Morgen, wenn ich aufwache. Nicht lange, vielleicht eine Minute oder zwei. Auch nicht ohne Genuss. Also ich denke mit Melancholie, aber auch mit einer Art Sehnsucht, die einen schönen Geschmack im Mund hat. Und eines Tages werde ich zurückkehren. Nicht endgültig, aber zu Besuch.

 

Das Interview wurde geführt von Christoph Langecker, Chef vom Dienst, Wien Live.